Gruppe von Bergsteigenden mit Helmen und wetterfester Kleidung auf einem schneebedeckten Gipfelgrat. Die Aufnahme zeigt die Personen in hochalpiner Umgebung mit Wolken und Schnee. | © P.J.Müller
Sechs Personen mit Steigeisen gehen in einer Reihe über einen Gletscher. Im Hintergrund sind schneebedeckte Berge und ein markanter Gipfel unter teilweise bewölktem Himmel zu sehen. | © P.J.Müller
Person mit Steigeisen springt auf einem verschneiten Gletscher. Im Vordergrund sind ein Eispickel und eine Gletscherspalte zu sehen, im Hintergrund erheben sich Berggipfel. | © P.J.Müller
Mehrere Personen bewegen sich angeseilt auf einem Gletscher. Einige befinden sich auf einer steilen Eisfläche, während andere auf einem flacheren Abschnitt stehen. Im Hintergrund sind Berggipfel und Wolken zu sehen. | © P.J.Müller
Gruppe von Bergsteigenden mit Helmen, Gurten und Hochtourenausrüstung steht vor einem Gletscher und einem schneebedeckten Berggipfel. | © P.J.Müller
Gruppe von Bergsteigenden mit Rucksäcken und alpiner Ausrüstung sitzt und steht in einem hölzernen Aussichtselement vor einer Gletscherlandschaft und hohen Berggipfeln. | © P.J.Müller
Gruppe von Bergsteigenden mit Rucksäcken und Hochtourenausrüstung an einem Aussichtspunkt vor einer Gletscherlandschaft und schroffen Berggipfeln. | © P.J.Müller

Vom Halleluja-Steinbruch auf den Gletscher

30.05.2026

Ein Tourenbericht über den Eiskurs der Sektion Bielefeld am Großglockner

Hinter dampfenden Tassen mit Kakao und Tee sitzen wir an unserem letzten Nachmittag in der Stube der Oberwalder Hütte und stellen fest: „Die Kurswoche verging rasend schnell und doch sind die ersten Kurstage gefühlt schon eine halbe Ewigkeit her!“ Wir, das sind Julia, Say, Eddie, Marlon, Leon, Moritz und Ben sowie unser Kursleiter Peter Joachim und dessen langjähriger Hochtourenpartner Chris.

Mitte Juli verbrachten wir sechs Tage auf den Schneefeldern, Gletschern und Gipfeln des Großglocknermassivs im Nationalpark Hohe Tauern in Österreich. Die Freude am Bergsport und der Wunsch, die nötigen Techniken und das Wissen zu erlangen, um sicher und bedacht erste Gipfel oberhalb der Schnee- und Eisgrenze zu besteigen, hatte uns hier zusammengebracht.

Viele von uns hatten bereits Erfahrungen im Bergwandern, Klettern und auf Klettersteigen gesammelt und so waren wir zuversichtlich, dass wir auf diesen Fähigkeiten gut aufbauen können würden. Wie viel zusätzliches Wissen für das sichere Gehen einer Hochtour nötig ist, merkten wir dann einige Wochen vor Kursbeginn auf dem Parkplatz des Halleluja-Steinbruchs. Dort standen wir bei einem Vorabtreffen vor einem Materialberg aus Schlingen, Karabinern, Seilen und Sicherungsgeräten und warfen uns verlegene Blicke zu, als wir begannen, die Dinge irgendwo an unseren Hüftgurten zu befestigen – unsicher, wofür wir sie überhaupt brauchen würden. Rückblickend hatten wir wohl auch eine gute Portion Naivität mit im Gepäck, als wir einige Wochen später an blühenden Alpinwiesen und pfeifenden Murmeltieren hoch auf die Oberwalderhütte stiegen.

Der Eiskurs in kurz

Die Oberwalderhütte liegt auf knapp 3.000 m etwas oberhalb der Pasterze, Österreichs längstem Gletscher. Für unseren Eiskurs war sie der perfekte Ausgangspunkt. Von dort gingen wir täglich auf den Gletscher und übten Gehtechniken mit Steigeisen und in Seilschaften, Sturzverhalten im Firn, Standbau in Eis und Schnee, Abseiltechniken und das Klettern mit Eisgeräten. Besonders gründlich simulierten wir Gletscherspaltenbergungen.

Nachmittags und abends saßen wir in der warmen Stube oder im Seminarraum der Hütte und planten Touren oder lernten die nötigen Knoten. Die Idee des Kurses war, die Techniken im Gelände gemeinsam durchzusprechen, sie zu üben und sie anschließend möglichst schnell auf Übungstouren oder beim Bewegen im Gelände anzuwenden. So hatten wir zahlreiche Gelegenheiten, das Gelernte immer wieder praktisch umzusetzen und dabei unsere eigenen Wissenslücken zu bemerken. 

 

Eine Übungstour auf den Johannisberg

 

Wie entscheidend diese Techniken und eine sorgfältige Tourenplanung für eine Hochtour sind, erlebten wir bei der Besteigung des Johannisbergs. Der Johannisberg ist ein 3.453 m hoher Gipfel, der durch seine leichte Zugänglichkeit gut geeignet war, um unser Wissen und das Erlernte zu testen.

Die Tour hatten wir am Vorabend in zwei Gruppen eigenständig geplant und versucht, die benötigte Zeit abzuschätzen. Trotz gleicher Route lagen unsere Schätzungen um drei Stunden auseinander. Da wir um einen Topfenkuchen gewettet hatten, war es nicht verwunderlich, dass Eddie nach wenigen Metern auffiel, dass er seinen Pickel vergessen hatte. So starteten wir mit der für unsere Gruppe typischen Gemütlichkeit statt um 7 Uhr erst um 7:30 Uhr in die Tour.

In der Nacht hatte es gefroren. Die ersten 15 Gehminuten kraxelten wir mit tief ins Gesicht gezogenen Kapuzen über rutschige Felsen bis zu den ersten Eishängen. Hier legten wir unsere Steigeisen an und banden uns in drei Dreierseilschaften ein. Während wir am ersten Kurstag noch sehr zögerlich unsere ersten Schritte mit den Steigeisen gemacht hatten, war die anfängliche Sorge vor dem Abrutschen inzwischen gewichen. Bestimmt schritten wir den steilen, knusprig gefrorenen Eishang hinab zur Pasterze.

Zwischen uns und dem Fuß des Johannisbergs lagen von hier noch etwa zwei Kilometer mit Spalten durchzogenes Gletschereis. Von oben waren die Spaltenverläufe gut zu erkennen, doch auf dem Gletscher selbst ist es gar nicht so leicht, die beste Spur zu finden und die Spalten an ihren schmalsten und sichersten Stellen zu überschreiten. So mussten wir teilweise wieder ein Stück zurücklaufen und eine andere Seilschaft übernahm die Führung.

Mit jedem Höhenmeter wurden unsere Schritte etwas schwerer und die Sicht schlechter. Etwa 200 Meter unterhalb des Gipfels erreichten wir die tiefhängenden Wolken und unsere erste Seilschaft, angeführt von Moritz, verschwand in den Wolken. Trotz sorgfältiger Tourenplanung am Vorabend fiel es uns schwer, die Orientierung beizubehalten und eine gute Spur zum Gipfel zu finden. Mit unserem Wissensstand hätten wir die Tour hier abbrechen müssen, und so übernahm Peter die Führung und brachte uns entlang des Grats hinauf auf den Gipfel. 

Oben angekommen wurden wir mit einem kurzen Wolkenbruch und weiten Blicken auf den grün marmorierten Granit des Großglockners und die hunderte Meter über uns hängenden Gletscher belohnt. Nach jubelnden Umarmungen, beherzten Bissen in unsere Pausenbrote und Gipfelfotos stiegen wir mit gewachsener Ehrfurcht wieder hinab zum Gletscher.

Das Leben auf der Hütte

Das Leben auf der Hütte brachte Beständigkeit in die gefüllten Kurstage. Morgens zwischen 6 und 7 Uhr begann der Tag zwischen Müslischalen, beachtlichen Stapeln Butterbroten und duftendem Kaffee mit der Frage: „Na, gut geschlafen?“ Die zurückhaltenden Antworten und Blicke ließen bei den meisten von uns allerdings das Gegenteil vermuten. Die dünne Luft und die nächtliche Geräuschkulisse im Bettenlager sorgten nicht unbedingt für einen erholsamen Schlaf.

Abends lockte pünktlich um 18 Uhr das duftende Buffet in die warme, gesellige Stube. Danach zerstreute sich die Hüttengemeinschaft wieder. Einige holten die warme Dusche nach, die beim Andrang der am Nachmittag zurückkehrenden Bergsteiger*innen nur noch lauwarm gewesen war. Auf der Fensterbank im Treppenhaus, wo besonders guter Empfang war, wurde auf dem Smartphone die Fußball-WM verfolgt. Und im Saal planten Gruppen, über Karten gebeugt, die Routen für den kommenden Tag, spielten Karten oder saßen noch lange zusammen.

Ein Gletscher im Wandel

Bei unseren täglichen Gletscherüberquerungen erlebten wir, wie die Temperaturen die Beschaffenheit des Gletschers und damit die Gehbedingungen im Tagesverlauf veränderten. Morgens ging es über die in der Nacht fest gefrorenen Eis- und Schneefelder. Nachmittags floss das Schmelzwasser unter unseren Füßen talabwärts, und das eisige Wasser verschwand rauschend und gurgelnd in tiefen Löchern und mündete in den verborgenen Flüssen unter dem Gletscher. Das Gehen durch das angetaute Eis war beschwerlich, und der letzte Aufstieg zur Hütte wurde täglich zum anstrengenden Abschluss des Tages.

Der Rückweg von der Pasterze zur Hütte wird von Jahr zu Jahr länger und beschwerlicher, denn der Gletscher schmilzt in rasantem Tempo. Uns interessierte, wie schnell er an Masse verliert. Im Gletscherbericht des Österreichischen Alpenvereins für die Messperiode 2024/25 wurde ein Längenverlust von zuletzt 54 m im Jahr und eine Höhenänderung der Pasterzenzunge von 7,3 m im Jahr gemessen. Es ist kaum zu glauben, dass der Gletscher noch vor wenigen Jahrzehnten hunderte Meter weiter ins Tal hinabreichte und dort, wo sich heute ein langer blaugrauer See befindet, Berge aus Eis türmten. Auf der Oberwalderhütte sind die Auswirkungen des menschengemachten Klimawandels auch auf 3.000 Metern so spürbar und sichtbar wie die vielen Extremwettereignisse dieses Jahres in Deutschland, Europa und weltweit. Nachdenklich stellen wir fest, dass das Hochtourengehen über weite Gletscherflächen, zumindest in unseren Breitengraden, in absehbarer Zeit wohl nicht mehr möglich sein wird.

Fazit

Hinter uns liegt eine Woche, die uns herausgefordert, uns einander nähergebracht, uns nachdenklich gestimmt und uns lachen, umarmen und jubeln lassen hat. Zufrieden blicken wir uns in der Abschlussrunde am letzten Kursnachmittag an. Die Zeit verging schnell. Wir alle haben Lust auf weitere Hochtouren bekommen. Die ersten Grundkenntnisse haben wir im Kurs von Peter und Chris erworben, aber vor allem haben wir erlebt, wie viel Übung, Planung und gegenseitiges Vertrauen zum sicheren Unterwegssein im Hochgebirge gehören.

Beim Abstieg zurück ins Tal können wir uns an dem gewaltigen Gletschermassiv des Glockners nicht sattsehen. Wir sind glücklich und erschöpft, und mit jedem Schritt fällt ein wenig Anspannung von uns ab. Immer wieder werfen wir Blicke zurück und fragen uns, wo der Gletscher stehen wird, wenn wir das nächste Mal hier vorbeischauen.